Einschmeichelnden,
glattpolierten Gothic Rock mit Chat-Potential ist man eher von
Vertretern aus finnischen Landen wie HIM oder Negative gewohnt.
THE LOVECRAVE aus Mailand im sonnigen Bella
Italia belehren uns dagegen eines besseren. Weder androgyne
Mädchenschwarme mit exzessivem Verbrauch von Haarspray
oder der Farbe pink heischen um das Taschengeld des in erster
Linie jüngeren Publikums, sondern eine optisch nicht gerade
unattraktive Frontfrau mit ordentlicher Rockröhre und ihre
eher in den Hintergrund gerückten männlichen Mitstreiter
buhlen um die Gunst der durchaus über den Gothic-Tellerrand
hinaus im Mainstream angesiedelten Zielgruppen.
Sängerin Francesca und Gitarrist Tank haben The
Angel And The Rain in weniger als nur einem Monat
geschrieben. Die beiden sind allerdings musikalisch gesehen
auch keine unbeschriebenen Blätter; Francesca war bereits
in Italien bei einem Major-Label auf Solopfaden unterwegs. So
ist in der kurzen Zeit ein grundsolides Album entstanden, bei
dem die Sängerin ihrer Kreativität freien Lauf gelassen
und eine Story inklusive der manga-ähnlichen Comicfigur
Rain entwickelt hat, um die sich die einzelnen Songs zu einem
Konzeptalbum zusammenfügen.
Musikalisch fehlten mir allerdings die wirklich herausragenden,
innovativen Momente, um sich – von der Stimme mal abgesehen
– von der etablierten skandinavischen Konkurrenz abzugrenzen.
Als musikalische Einflüsse nennt das Presseinfo Bands wie
Iron Maiden oder gar The Chemical Brothers. Im Endeffekt haben
wir es aber eher mit einer etwas biederen Mischung aus klassischen
Rockelementen und Nu-Rock-artigen Passagen zu tun, die –
mit etwas Elektronik angereichert – selten Überraschungsmomente
birgt und ordentlich glatt poliert wurde. Nichtsdestotrotz finden
sich neben einigem an farbloser Kost und pathetischen Augenblicken
(„Thank You God. Thank You For The Darkness.“)
doch Momente, in denen der Rezensent ordentlich in den Punktesack
greift. Vampires (The Light That We Are) als
kraftvolle Rocknummer zum Einstieg ködert mit Ohrwurmrefrain
und fast schon plakativ kitschigen, aber effektvollen Synthieelementen.
Can You Hear Me? als Highlight des Albums schlägt in die
gleiche Kerbe: Einlullendes Pianointro wie -Outro umfassen einen
mitreißenden, hitverdächtigen Song, bei dem die Sängerin
im Refrain stimmlich alles gibt. Da haben die Italiener alles
richtig gemacht, auch wenn ich so manche Gitarrenelemente schon
mal bei Moonspell gehört habe. Kurz vor Schluss des Albums
steht mit der Coverversion von Duran Durans The Chauffeur
eine Zeitreise in die tiefsten 80er an. THE LOVECRAVE
machen dem eher behäbigen Original ordentlich Feuer unterm
Arsch und verwandeln es in ein tanzflächenkompatibles Gitarrenbreitbandformat.
Bravo!
Die drei Songs retten die Finnen aus Italien mit der Sängerin
und ihrer kraftvoll betörenden Stimme vor dem oberen Mittelmaß
und lassen mich an HIM- und Negative-affine Musikhörer
eine dringende Kaufempfehlung richten.