Das seit 50 Jahren stattfindende 4-tägige Rock Werchter im flämischen Belgien ist nicht nur eines der größten Musikfestivals in Europa, sondern wurde auch mehrfach als bestes Festival der Welt ausgezeichnet. Inzwischen hat man das Festivalangebot mit dem jeweils eintägigen Werchter Boutique (Pop) und dem TW Classic (Indie, Rock, Pop) erweitert. Und ganz neu in diesem Jahr dazugekommen ist das WERCHTER PARKLIFE - ein weiteres Ein-Tages-Event, mit welchem man musikalisch die etwas härtere Schiene abdeckt, wie man am Line-Up gut sehen kann ;)
Ich muss gestehen, ich bin nur auf das WERCHTER PARKLIFE aufmerksam geworden, weil ich in der Pflicht war, meinem Neffen das Geburtstagsgeschenk einer LINKIN PARK Show (seine Lieblingsband) zu erfüllen, sonst wäre das Festival sicherlich an mir vorbeigegangen.
Gut, PAPA ROACH hab ich auch schon offiziell für's NOCTURNAL HALL abgelichtet, seinerzeit noch in der Turbinenhalle zu Oberhausen (2017), aktuell werden sie im Herbst die Lanxess Arena in Köln bespielen (die Hallen haben sich also in der Größe verfünffacht). Das WERCHTER PARKLIFE war also ein rein privates Vergnügen – ich konnte am Ende aber nicht widerstehen, doch noch was zu schreiben, daher gibt es keine offiziellen Fotos, sondern nur ein paar Handy-Shots.

Bei brüllender Hitze ging es auf die Piste in das schöne Aarschot und zum Glück hatten wir ein klimatisiertes Hotelzimmer in einer alten Mühle direkt über der Demer. Eine sehr entspannte Anreise, ein kleiner Stadtbummel, leckeres Abendessen und ein nächtliches Donnerwetter, dass aus den vorhergesagten 40°C am nächsten Tag wesentlich angenehmere 30°C machte.
Am Sonntag mittag ging es dann mit dem Shuttlebus zum Werchter Festivalgelände (Da waren 6-8 Busse im Einsatz, die rund um die Uhr bis 2 Uhr nachts zwischen Festival und Bahnhof Aarschot gependelt sind. Es gab auch zwischen anderen Orten einen Shuttle Service und man konnte sich "Festivalfahrräder" ausleihen. Das nenne ich mal einen coolen Service!). Am Vortag hatte bereits das Werchter Boutique stattgefunden, mit 50.000 Besuchern ausverkauft (Katy Perry war Headliner) – gemerkt hat man davon nix. Weder auf dem Festivalgelände, noch am Tag zuvor in Aarschot.
Ich hatte zunächst angenommen, dass der Festivalpark in Werchter eine feste Installation ist. Neben der riesigen Hauptbühne gibt es eine Halle (Barn) und noch eine kleine Bühne (Nest), dazu unendlich viele Stände für Food, Getränke, Merch, Coins, Toiletten, sogar eine Mutter-Kind-Einrichtung und Alkoholtest-Einrichtungen plus Anleitungen zum "verantwortungsvollen Trinken" – man nennt das Zebratrinken. Dazu gab es überall auf dem Gelände kostenlose Sonnencreme-Stationen, kostenlose Wasserstellen und Schnee-Kanonen, mit denen Wasser vernebelt wurde. Irre!

Tatsächlich wird das alles aber nur für die Festivals im Sommer aufgebaut, die alle mehr oder weniger nacheinander stattfinden. Davor und danach ist das wohl eine landwirtschaftlich genutzte Fläche. Einlass, Versorgung, Infos, Organisation, Verkehrswege, Assistenz für Fans mit special needs – alles lief unglaublich reibungslos. Man musste nirgendwo lange stehen oder warten, bekam jederzeit überall Hilfe, und die Servicekräfte waren superfreundlich. Einfach großartig! Denn auch das WERCHTER PARKLIFE war mit 50.000 Fans restlos ausverkauft. Ich habe ja schon früher große Festivals in Belgien (und Holland) besucht – besucherfreundliche Orga können die, da könnte sich so manches deutsche Festival eine Scheibe von abschneiden.
Natürlich hat das alles seinen Preis. Man bekommt am Einlass ein Band mit Chip, auf dem man "Coins" aufladen muss: 1 Coin = 3,90 Euro. Damit bezahlt man dann Speisen und Getränke. Da kostet dann ein indisches Curry mit 4,3 Coins schon mal knapp 17 Euro, der Aperol Spritz mit 1,7 Coins 6,63 Euro, oder die Portion Pommes 1,8 Coins = 7,02 Euro oder so. Billig ist das sicher nicht. Das Merchandise lag ebenfalls im oberen Bereich: Shirts für 45-55 Euro – das kennt man bereits von Veranstaltungen dieser Grösse.
Insgesamt wundert das nicht, das Werchter ist an Live Nation verkauft worden, und die wollen natürlich Geld sehen (ähnlich wie beim RAR und RIP, die an ein Investment-Unternehmen verkauft wurden und seitdem munter die Fans zur Gewinnmaximierung ausnehmen), auch wenn der einstige Gründer, Herman Schueremans, immer noch die Festivals organisiert.

Los ging es mit dem aus Saratoga Springs, NY, stammenden Elektro-Rock-Duo :: PHANTOGRAM :: und einem Wahnsinns Sound. Verleitete direkt zum Tanzen, und da war ich nicht die einzige im großen Rund. PHANTOGRAM kannte ich bis dato nicht. Das Duo sah auf der riesigen Bühne recht verloren aus und konnte auch kaum den Catwalk benutzen, da die beiden immer wieder zurück an ihre Tasten mussten. Riesige Leinwände rechts und links an der Bühne sorgten dafür, dass man auch weit hinten an den Foodständen noch was sehen konnte.
Für eine halbe Stunde gab es schönen Indie/Elektro-Rock, quasi ein Best-Of aus altem Material, denn vom noch aktuellen Album Memory Of A Day (2024) gab es nur einen Song.
Band: Sarah Barthel (keys, vox), Joshua Carter (git, keys, vox)
Setlist: You Don't Get Me High Anymore, Fall In Love, Feedback Invisible, Bad Dreams, Cruel World, Black Out Days, When I'm Small
:: Fotos :: LANDMVRKS ::

Halbe Stunde Umbaupause – Zeit genug, um sich zu versorgen oder kühles Nass zu genießen ;) Die französische Metalcore Band :: LANDMVRKS :: ist mir hingegen schon ein Begriff. Die Jungs sind live viel unterwegs (übrigens auch auf dem Rock Werchter nächstes Wochenende und mit Papa Roach auf Tour im Herbst) und das merkt man ihnen auch an. LANDMVRKS entzündeten buchstäblich ein Feuerwerk (Pyros, und das bei der Hitze) an Grooves, Riffs und Breaks. Hat richtig Spass gemacht! Meinem Neffen hat's auch gefallen ;)
Band: Florent Salfati (vox), Nicolas Exposito (git), Paul "C. Wilson" Cordebard (git), Rudy Purkat (bass), Kévin D’Agostino (drums)
Setlist: Creature, Death, Blistering, A Line In The Dust, Sulfur, LaVvalse du Temps, Lost In A Wave, Rainfall, Blood-Red, Self-Made Black Hole

Nach diesem, für mich sehr interessanten Auftakt, gab sich :: ZWANGERE GUY :: die Ehre, ein belgischer Rapper (und auch Schauspieler), der viel zu erzählen hatte und noch mehr Songs gespielt hat. Den Publikumsreaktionen nach scheint der Mann sehr bekannt und auch beliebt zu sein. Ist musikalisch so gar nicht meine Baustelle, fand ich auch ein bisschen eindimensional, aber jut... Zeit überbrücken mit Aperol…
Das Festivalgelände hatte sich inzwischen ordentlich gefüllt mit Fans in bester Laune.
Band: Gorik van Oudheusden
Setlist: DMT, Lege Fles, Monkey Mind, Fally Ipupa, Quatre mains (live debut), Beter leven, Gorik, pt. 1, Grijze Zone, Gorik, pt. 2, OG'z, Niet voor de views, Vecht Voor Papier I, Wie is Guy?, Guttergang, R.A.F. (Rien à foutre), Loin d'ici, Papucho
:: Fotos :: CLIPSE ::

Tatsächlich besser gefallen haben mir hinterher die Brüder Malice und Pusha T von :: CLIPSE ::. Das Duo ist schon länger im Geschäft und auch recht berühmt, wie ich im nachhinein lesen konnte. Die haben sogar schon einen Grammy gewonnen, für Chains & Whips, mit dem sie ihr Set eröffneten. Eastcoast Hip-Hop, Gangsta-Rap, Hardcore-Rap… whatever. CLIPSE brachten das Publikum ordentlich zum Kochen. Beim Track Momma I'm So Sorry wurde es unerwartet emotional, ganz offensichtlich eine Hommage an die Mutter, untermalt mit zahlreichen Fotos aus Kindheitstagen.
Band: Malice (Gene Thornton), Pusha T (Terrence Thornton)
Setlist: Chains & Whips, P.O.V., Popular Demand (Popeyes), What Happened To That Boy (Birdman cover), M.T.B.T.T.F., Inglorious Bastards, Momma I'm So Sorry, Keys Open Doors, Mr. Me Too, Grindin', F.I.C.O., So Be It, Ace Trumpets, The Birds Don't Sing, So Far Ahead
:: Fotos :: PAPA ROACH ::

So langsam kam ich musikalisch wieder in meine Wohlfühlzone… ;) Wie sich ein ausverkaufter Festivalpark mit 50.000 Fans anfühlt, durften wir dann bei :: PAPA ROACH :: erleben. Ein Vorgeschmack auf den Headliner… Trotz toller Organisation wurde es nun sehr, sehr kuschelig (warm). Auch hier gab es Pyros satt.
PAPA ROACH rockten sich die Seele aus dem Laib, trotz der Hitze. Jacoby Shaddix rannte den Catwalk hoch und runter, animierte die Fans, sprang in den Fotograben, auch mal direkt mitten unter die Fans, und zack, starteten Circle Pits und kamen Crowdsurfer geflogen. Das Publikum hopste, tanzte, headbangte und wedelte mit den Händen, den Fäusten, den Pommesgabeln – je nach Ansage.
Die Kalifornier haben wirklich alles gegeben. Man konnte den Schweiß sehen, der in Bächen von den Gesichtern lief. Respekt für diese Leistung! Wirklich. Jacoby Shaddix hatte übrigens zwei seiner Jungs dabei - Jagger und Brixton sangen jeweils einen Song mit Papa.
Bei PAPA ROACH steht in diesem Jahr noch ein neues Album an, drei Singles gibt es schon, mit der ersten Single, Even If It Kills Me, wurde das Set direkt eröffnet. Danach gab es eine 90 Minuten Best-Of-Power-Show, die Band und Fans alles abverlangte.
Band: Jacoby Shaddix (vox), Jerry Horton (git, vox), Tobin Esperance (bass, vox), Tony Palermo (drums, vox)
Setlist: Even If It Kills Me, Blood Brothers, Dead Cell, ...To Be Loved, Kill The Noise, Getting Away With Murder, See U In Hell (with Jagger Shaddix), California Love (2Pac cover), Liar, Braindead (with Brixton Shaddix), Falling Apart, Scars, Help, Born For Greatness // Between Angels And Insects, Blind/My Own Summer (Shove It)/Break Stuff/Chop Suey, Last Resort
:: Fotos :: LINKIN PARK ::

Dieses Mal dauerte die Pause ein bisschen länger – die Bühne wurde komplett umgebaut. Zwischendrin gab es Gejohle, wenn sich Techniker akrobatisch vom Bühnendach abseilten, wo sie Lampen ausgetauscht hatten. Nun hieß es für viele Fans den "Pit" verlassen, der nun exklusiv für "Pit"-Ticket-Inhaber reserviert war. Nachdem wir erst noch aufatmeten, weil endlich wieder Platz und Luft war, wurden die Schleusen geöffnet für jene "Pit"-Ticket-Inhaber, die noch draussen standen…
Dann ging endlich das Licht aus und los ging's… mit einem Trailer. Wie es aussieht, werden :: LINKIN PARK :: noch in diesem Jahr einen Dokumentar- und Konzertfilm namens Unshatter veröffentlichen, gedreht von Joe Hahn (DJ, vox), welcher den Neubeginn der Band nach dem Tod von Chester Bennington beleuchtet.
Danach blieb es dunkel und ein Countdown lief runter… 8 Minuten lang…
Ja und dann… begann eine wirklich spektakuläre atemberaubende 2-Stunden-Show!

Das Set war in 4 Acts aufgeteilt, plus der Zugabe. Es gab keine Pyros, dafür Laser und CO2-Jets, und eine fantastische Lichtshow. Und Konfetti.
Seit 2 Jahren sind LINKIN PARK nun schon auf Tour, und das sieht man ihnen an. Insbesondere Emily Armstrong wirkte sichtlich müde und erschöpft und ihre Stimme klang angekratzt. Die Band spielte professionell, aber auch sehr statisch und choreographiert. Energie und Verve wie bei Papa Roach gab es hier nicht. Aber das schien niemanden wirklich zu stören. Das Publikum flippte regelrecht aus und feierte die Band selbstredend ab.
Interessant fand ich, dass Emily Armstrong nicht nur singen kann, sondern auch Gitarre und Schlagzeug spielt, wie sie eindrucksvoll unter Beweis stellte.
Bei Numb liess Mike Shinoda das Publikum entscheiden, in welchem Stil dieser Song gespielt werden sollte: Disco, Punk oder Reggae… Ich hätte mir Disco gewünscht, aber es wurde Reggae. War dennoch witzig.
Was bleibt am Ende noch zu sagen? Das war meine erste LINKIN PARK Show und ich muss sagen, der Hype ist gerechtfertigt, trotz der Abstriche meinerseits.
Wenn ich das richtig gelesen habe, war dieser Abend die vorletzte Show der From Zero World Tour. Ich hoffe, die Band nimmt sich genug Auszeit, die Batterien wieder aufzuladen, denn Gitarrist Brad Delson z.B. wird vorerst nicht mehr mit LINKIN PARK live spielen, bleibt aber Bandmitglied.
Band: Emily Armstrong (vox), Mike Shinoda (vox, git), Brad Delson (git, vox), Dave Farrell (bass), Colin Brittain (drums), Joe Hahn (DJ, vox)
Setlist: Unshatter Movie Trailer // countdown 8min // Act I • Inception Intro C, The Emptiness Machine, Points Of Authority, New Divide, Up From The Bottom, Somewhere I Belong // Act II • Creation Intro C, The Catalyst, Burn It Down, Cut The Bridge, Where'd You Go, Waiting For The End, Lying From You, Two Faced, Empty Spaces, When They Come for Me/Remember The Name, Casualty, One Step Closer // Act III • Break/Collapse, Lost, Breaking The Habit, Stained, What I've Done // Act IV • Kintsugi, Overflow, From The Inside, Numb (w/ reggae style "Numb/Encore" intro), Heavy Is The Crown, Bleed It Out // Resolution Intro C, Papercut, In The End, Faint

Fazit: Das Geburtstagsgeschenk war ein voller Erfolg. Mein Neffe war sprachlos, also stimmlos... hinterher ;)
Wenn 50.000 Leute gleichzeitig nach Hause wollen, dauert das. Schon der Fußweg zum Bus war Stau pur. Wer sich bei der Anreise fragte, warum es an der Bushaltestelle Laufgitter/Personenleitsysteme gab, der bekam jetzt die Antwort. Es dauerte ein bisschen, bis wir im Bus saßen, und noch länger, bis wir in Aarschot waren (Stau). Eine erfrischende Dusche und ab ins Bett, um 3 Uhr morgens, Montag morgen… Das war doch mal ein großartiges Wochenende!
Übrigens… Das WERCHTER PARKLIFE wird auch nächstes Jahr wieder geben :) |