Die umtriebigen Hessen MELANCHOLIC SEASONS bereiten mit viel Liebe zum Detail ihre Demos neu auf: mir gefällt das stimmige Gesamtwerk, das schon beim detailreichen Cover beginnt. Hier finden wir wie auf einem Suchbild Symbole für jeden Song und somit eine starke Wechselwirkung zwischen Musik sowie optischer Gestaltung. Auch der Tag der Veröffentlichung ist nicht zufällig gewählt, denn am 31.März 1995 spielte die Band ihr erstes Konzert.
Die Kompositionen wurden in der ursprünglichen chronologischen Reihenfolge belassen und durch allerhand Harmonien und kleine Details aufgewertet und restauriert, wie bei einem Gebäude, in dessen Grundsubstanz noch Stuckaturen, Gesimse oder Ornamente eingearbeitet werden, um die Wirkung zu erhöhen.
Stürzen wir uns also hinein in die melancholischen, entspannt gleitenden Klänge der musikalischen Zeitreise. Dunkle Growls und griffige Riffs treiben die Musik voran und geben ihr eine dunkle, mystische Aura, die eingebundenen Gitarrenmotive sorgen für harmonischen Hintergrund und kontrastieren das trocken rockende Grundgerüst. Unauffällige Taktwechsel animieren zum Mitwippen und gleichzeitig genießerischem Zuhören – eine gute Mischung aus leichtverdaulicher Eingängigkeit und fordernder Verspieltheit. Dezent symphonische Anklänge und sanft eingewobene Steigerungen dynamisieren griffige und ebenso tiefgehende Stücke wie Autumnsphere. Geschickt wird das Tempo variiert und doomige Schwere neben kantige Riffgewalt gesetzt. Rhythmusfokussierte Songs stellen eher Tempovariationen in den Vordergrund, plakative Refrains oder Ohrwurmtauglichkeit sind den Musikern nicht so wichtig, da setzt man lieber auf fordernde Opulenz und somit Langzeitwirkung. Viele feine Gitarrenharmonien umschmeicheln das harmoniesüchtige Gemüt des Metalheads, wohingegen die treibenden Drum-Rhythmen die Nackenmuskulatur in Bewegung versetzen. Da ist nicht mal unbedingt eine Stimme nötig, wie beim starken Instrumentalstück In My Eyes, das organisch pulsiert und wunderbare Gitarren in der Hinterhand als Trumpfkarte ausspielt. Schwerfällig düster und peitschend kippt der folgende, stampfende Headbanger Agoraphobie die Stimmung gen Fäusterecken im Moshpit. Das kommt live sicher gewaltig gut! Stakkato-Riffing und coole Grooves bringen jede Metalparty in Schwung – aber dies ist kein Schunkelsound, sondern ehrlicher, bodenständiger Metal mit Pfiff und viel Liebe zum Detail! Der feine Ohrwurm Drowned In Tears setzt wie die anderen Songs der EP In My Eyes (2000) stark auf packende Hooks und auch Refrains; I Am The Evil nennt sich ein weiterer Volltreffer, das teils blastende Frozen Lyrics punktet mit dystopischen Nuancen und knallharter Vehemenz. Da kommen die ruhigen Anfangstöne des stetig anschwellenden Groovers Just A Fuckin' Lullaby gerade recht, die epische Ausrichtung gefällt ausgezeichnet und zeigt eine weitere Facette der Band auf. Die Live-Zugabe Sieben Tage Lang (original von den Bots) sorgt für einen augenzwinkernden, herrlich schwelgerischen Gute-Laune-Abschluss.
Melodie und strikt nach vorne gehende, explodierende Dynamik halten sich auf diesem reichhaltigen Werk intuitiv die Waage und bescheinigen MELANCHOLIC SEASONS in der Frühphase der Karriere großes Komponiergeschick, das uns hoffentlich noch viele dunkel rockende Songs bescheren wird!